Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Ihnen erstmals ein Semesterprogramm mit einem Ganzjahresthema vorlegen zu können: neu ist, dass beide Semester des Jahres 2020 unter dem Motto „Nachhaltigkeit - was bleibt vom Hype“stehen. 

Wie Sie es von der vhs Marburg-Biedenkopf gewohnt sind, wollen wir genauer hinsehen und fragen: was heißt eigentlich Nachhaltigkeit? In kaum einer Region könnte diese Fragestellung passender sein als hier bei uns. Denn es war ein Hinterländer, Robert Hartig, der die Nachhaltigkeit zwar nicht erfunden hat - der Begriff stammt von Hans Carl von Carlowitz  aus dem Jahr 1713 -, der aber  den Begriff mit seinen Lehrbüchern überhaupt erst populär gemacht hat. „Es lässt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion  muss die Waldungen des Staates (....) so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet." 1

Was der in Gladenbach geborene Forstwissenschaftler vor über 200 Jahren gesagt hat, ist aktueller denn je: denn längst nicht mehr nur in der Forstwirtschaft gilt der Grundsatz, nicht mehr zu verbrauchen als auch nachwächst. Und aus gutem Grund wird der Begriff Nachhaltigkeit längst auch auf Handlungsfelder übertragen, die mit Wachsen und Gedeihen nichts oder wenig zu tun haben: wenn selbst von nachhaltiger Werbung oder sonstigen nachhaltigen Prozessen die Rede ist. 

Aber: hat alles Reden auch eine Wirkung? Wird nicht viel zu oft von Nachhaltigkeit im „man müsste“ und „man sollte“-Modus geredet? In pathetischen Sonntagsreden, die aber nicht einmal bis zum nächsten Werktag nachhalten? 

Darauf werden wir - quer durch alle unsere Themenbereiche - einen kritischen Blick werfen. Und dazu gehört auch ein wenig Provokation, wenn wir fragen: Was bleibt vom Hype? Das Wörterbuch definiert einen „(Medien-)Hype“ als eine „aufgebauschte, kurzlebig in den Massenmedien verbreitete Nachricht“.  Angesichts der fast schon inflationären Verwendung des Begriffes Nachhaltigkeit kann man mit Fug und Recht von einem Hype reden. Umso mehr muss es sich Volkshochschule zur Aufgabe machen, mitten im Hype die Substanz freizulegen und unterscheiden helfen, was aufgebauscht und was gehaltvoll ist. Deswegen werden wir ein ganzes Jahr lang die Frage stellen, „was bleibt?“ Und wir setzen darauf, dass die Impulse dieses Jahresthemas weit über die Grenzen der Volkshochschule Diskussionen, Denkprozesse und neue Ideen in Gang setzen. 

Dazu gehört für uns auch, die Perspektiven zu weiten: Nachhaltigkeit - das sind nicht immer nur die anderen; nicht das politische, gesellschaftliche, ökonomische oder ökologische System, sondern Nachhaltigkeit beginnt bei jedem Einzelnen und unserem Umgang mit Umwelt und Mitmenschen. Nachhaltigkeit - das ist auch kein Prinzip, das auf Natur und Ökologie verengt sein darf. Auch im Umgang der Menschen miteinander sollte es ethisches Prinzip sein, nicht mehr in Anspruch zu nehmen als sich auch regenerieren lässt. Wir werden deswegen in den nächsten beiden Semestern auch fragen: Wie sieht eine nachhaltige Arbeitswelt aus?  Was heißt Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Finanzen? Und - was heutzutage natürlich auch nicht fehlen darf: Gibt es so etwas wie eine nachhaltige Gestaltung der digitalen Umbrüche? 

All diese Fragen werden uns in unterschiedlichen Formaten beschäftigen. Und natürlich hat die Volkshochschule nicht die Antworten auf all diese Fragen: aber - wie immer - große Lust, sich gemeinsam mit Ihnen auf die Suche nach neuen Entdeckungen und Gedanken zu machen. 

In diesem Sinne freue ich mich/freuen wir uns auf ein Jahr, das nachhält!

Ihr
Marian Zachow
Erster Kreisbeigeordneter
und vhs-Dezernent
   Ihre
Tanja Pfeifer
Kommissarische Leiterin
Haus der Bildung
   Ihre
Angela Springer
Pädagogische Leiterin
der vhs Marburg-Biedenkopf

1Georg Ludwig Hartig: Anweisung zur Taxation und Beschreibung der Forste.
Band 1: Theoretischer Teil (2., ganz umgearbeitete und vermehrte Auflage.) Heyer, Gießen 1804.